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Die cakras des menschlichen Körpers

Cakras (auch „Chakras“ oder „Chakren“) beschreiben ein System von Referenzpunkten im menschlichen Körper, die mit bestimmten Qualitäten und Eigenschaften in Verbindung gebracht werden. Ihren Ursprung haben die cakras in den altindischen Vorstellungskonzepten des Hinduismus und insbesondere des Tantra – wobei sie im Lauf der Zeit auch von der Philosophie des Yoga aufgegriffen wurden. Mit diesem Artikel möchte ich die sieben traditionellen cakras kurz  vorstellen.

In meinem Yogaunterricht versuche ich immer wieder, nicht nur die physischen Vorteile der Yogapraxis an die Teilnehmer zu vermitteln, sondern auch darauf hinzuweisen, dass sich Yoga nicht in der Fitness und des „Body Shaping“ erschöpft. Denn Yoga besteht aus einem ganzheitlichen philosophischen Überbau, der aus meiner Sicht völlig zu Unrecht in den Hintergrund verdrängt wird.

Was sind Cakras (auch Chakras, Chakren)?

In den alten indischen Quelltexten – die auch heute noch nichts von ihrer Spannung und Aktualität verloren haben – ist immer wieder die Rede von cakras und Energiepunkten des Körpers. Aus damaliger Sicht handelte es sich hierbei um bestimmte subtile Energiezentren, die im menschlichen Körper verortet und mit Eigenschaften verknüpft worden sind. Diese Energiezentren sind entlang der Wirbelsäule lokalisiert und durch Energiekanäle miteinander verbunden.

Die ursprüngliche Idee dieses Konzeptes geht davon aus, dass der Mensch ein inneres und äußeres Gleichgewicht – und eventuell auch die Erleuchtung – erlangt, sofern diese Energiezentren harmonisch miteinander in Verbindung stehen und die subtile Energie „frei fließen“ kann.

Etwas weniger esoterisch und auf die heutige Zeit übertragen könnte man sagen: Cakras entsprechen bestimmten Körperbereichen, denen unterschiedliche Qualitäten des menschlichen Lebens zugeordnet werden.

Die sieben Hauptcakras des Yoga

Eine einheitliche Übersicht zu finden fällt schwer, da je nach Tradition und Philosophie unterschiedlich viele cakras existieren und auch noch unterschiedlich benannt werden. Ich beschränke mich daher auf die sieben wesentlichen cakras, die häufig in der Literatur benannt werden.

Mūlādhāra cakra

Das Muladhara cakra ist das sogenannte „Wurzelcakra“. Es wird im Becken am Ende des Steißbeins verortet. Von der Qualität her ist das cakra mit den Grundbedürfnissen des Menschen verbunden. Die Themen sind insbesondere das eigene Überleben, das Verhältnis von Mensch und Natur, die Nahrungsaufnahme, die körperliche Gesundheit, das Urvertrauen und die Stressbewältigung.

In der Yogapraxis nutze ich das cakra, um Übungen zu praktizieren, die den Beckenboden kräftigen sowie für zentrierende Standhaltungen und intensivere Vorbeugen. In den Meditationen stehen das Spüren der Erde und das Ankommen im Hier und Jetzt im Vordergrund. Fällt es uns leicht, einen Ort der Ruhe aufzusuchen und dort einen Augenblick zu verweilen?

Svādhiṣṭhāna cakra

Svadhisthana wird an der Kreuzbeinplatte lokalisiert. Hier steht im Besonderen die Mobilität und Flexibilität des Körpers im Mittelpunkt. Schwerpunkte sind die Beweglichkeit der Hüfte, das Dehnen des Körpers und die allgemeine Mobilität.

Im Yoga praktizieren wir viele Übungen, die dynamisch und fließend sind, des Weiteren Übungen für die Hüftöffnung und die Vertiefung der Atmung. In den Meditationen liegt der Schwerpunkt auf dem Spannungsfeld von Routine und dem Ungewohnten. Blieben wir in der Komfortzone, oder trauen wir uns, neue Wege zu gehen und bereit für das Unbekannte zu sein?

Maṇipūra cakra

Der Solarplexus ist die Lokalisation für Manipura. Das Thema dieses cakras sind die Willenskraft, der Stoffwechsel, die Kontrolle über uns und die Umwelt sowie die körperliche Kraft. Dem entsprechend sind die Yogastunden energetisierend, kraftvoll für die Bauchmuskulatur und mit intensiven Drehhaltungen verbunden.

In den Meditationen reflektieren wir die Qualitäten der Kraft und des Willens. Was taucht in uns auf, wenn wir vor Hindernissen stehen? Haben wir die Kraft, das zu schützen, was uns lieb und wichtig ist?

Anāhata cakra

Der Bereich des Herzens steht bei Anahata im Blickpunkt. Das Herz ist der Motor des Lebens und Quell unserer Empathie und des Mitgefühls. Daher betrachten wir die Fähigkeit zur Offenheit, Begeisterung, die Beziehungen zu uns und unseren Mitmenschen sowie die Atmung als Spender des Lebens.

Im Yoga liegt der Schwerpunkt auf Rückbeugen, um Bereich des Brustkorbs zu dehnen und somit die Atemräume zu entfalten und dem Herzen Weite schenken zu können. Die Meditationen beleuchten den Umgang mit uns selbst. Ist es möglich, eine liebevolle Verbindung zu sich selbst aufzubauen? Kann diese Liebe in Form von Mitgefühl an die Mitmenschen weitergereicht werden?

Viśuddha cakra

Visuddha beschreibt die Fähigkeit zur Kommunikation und wird am Schildknorpel des Kehlkopfs manifestiert. Dieses cakra beinhaltet folgende Themen: Schultern, Nacken, Kiefer, Wahrheit, Gewaltfreie Kommunikation, Sprechen und Singen.

Die Yogastunden dieses cakras mobilisieren und kräftigen den Schulter-Nacken-Bereich, beinhalten Umkehrhaltungen und auf Wunsch auch das stimmungsvolle Singen von Mantras. Die Meditationen können mit dem sanften Klang von Klangschalen untermalt werden.

Ājñā cakra

Unsere Intuition ist Quell des ajna cakra – die Lokalisation ist an der Nasenwurzel. Im weiteren Sinne ist die Intuition die Verschmelzung des Verstandes und der Gefühle. Doch häufig tendieren wir entweder zu einer rationalen oder einer emotionalen Sichtweise auf die Dinge – und hier soll ajna einen Ausgleich beider Pole schaffen.

Für die körperliche Praxis bedeutet ajna das Einnehmen von Gleichgewichtsposen, Übungen für die Augen oder das Praktizieren mit geschlossenen Augen. Für die Meditation sind Konzentrations- und Visualisierungsübungen sowie das liebevolle Nachspüren sinnvoll.

Sahasrāra cakra

Das zentrale cakra ist sahasrara – das Kronencakra, lokalisiert an Scheitel und Fontanelle. Es ist jenes cakra, dessen Eigenschaften am Wenigsten greifbar sind und welches sich im Besonderen aus den vorangegangenen cakras entfaltet. Das zentrale Thema ist die Erleuchtung – und zwar über die Erfahrung des Eins-werdens mit sich selbst (Stichwort „flow“), der Natur, dem Universum und dem gesamten Rest. Das Ego mit seinen Ich-bezogenen Wünschen steht hier nicht mehr an erster Stelle.

Für die Yogapraxis bieten sich alle Sitzhaltungen sowie Atemübungen an; und auch generell die Erfahrung der Meditation – mit dem Ziel, dass sich im Verlauf der Meditation eine innere Freiheit einstellt, die nicht mehr von den Quängeleien des Egos bestimmt wird, sondern zu einer befreienden Ruhe und Stille des Geistes führt.

Fazit

Das Konzept der cakras ist aus meiner Sicht sehr wertvoll, um die verschiedenen Qualitäten des menschlichen Lebens einmal in den Mittelpunkt zu stellen und mit passenden Übungen für den Körper und den Geist zu flankieren. Genau hierin bestehen auch die Vorteile des Yoga, denn Yoga erschöpft sich nicht in Fitnessübungen, sondern beinhaltet auch einen philosophischen Gesamtrahmen, der von der Matte weg und hin zum Einzelnen und seinem Platz in der Welt führt.

In weiteren Artikeln werde ich jedes cakra einzeln vorstellen und ausführlicher beschreiben. Ebenso werde ich konkrete Übungen vorstellen, die sowohl für die eigene Yogapraxis als auch für die Selbstreflexion wertvoll sind.

Hast du Wünsche oder Fragen zu diesem Thema? Dann schreibe sie mir.