Philosophie

Sahasrara cakra

Kennst du das harmonische Gefühl, sich völlig auf eine Tätigkeit oder einen Zustand zu konzentrieren und darin absolut aufzugehen; wenn das Handeln mit dem Bewusstsein verschmilzt, und die Zeit und das Selbst ineinander aufgehen? Die Psychologen beschreiben diesen Effekt als „Flow“-Erlebnis – die Yogis nennen es einen kleinen Zustand der Erleuchtung.

In diesem Beitrag beschreibe ich die Eigenschaften des siebenten cakras, des Sahasrāra cakra. Um sich diesem Element anzunähern, stelle ich ebenso auch Übungen für die Yogapraxis vor, gebe Tipps für den Alltag und Anregungen zur Meditation.

Die Eigenschaften von Sahasrāra cakra

Die herausragende und zentrale Eigenschaft des cakras ist das Thema der Meditation und der darin gemachten Erfahrungen. Sahasrāra soll den Geist in die Ruhe führen – denn erst wenn die innere Ruhe und Stille möglich werden, kann die Erfahrung der Klarheit entstehen.

EigenschaftBeschreibung
NameSahasrāra cakra
ÜbersetzungSahasrāra = tausendfach
Element(keins)
Farbegold
LokalisationScheitelfontanelle
Grundeigenschaftsattva (Klarheit, Güte, Harmonie)
PlanetUranus
NahrungFasten
Verbsein
DuftSandelholz

Das cakra möchte einen Zugang zur Meditation eröffnen und zielt dort auf die Erfahrungen, die wir mit der Innenschau machen. Was taucht dort in uns auf? Welche Zustände erfahren wir, wenn wir eine Weile in der Meditation verbringen und dort die Stille und die Zeitlosigkeit aushalten wollen?

Dysfunktionen

Die Qualitäten des Sahasrāra cakras sind die Orientierung auf die inneren Zustände – und hier im Speziellen auf die Zustände der Stille und Ruhe. Dem entsprechend sind zentrale Dysfunktionen:

  • Depression
  • Apathie
  • Dogmatismus und Fanatismus
  • Fehlende Melatonin-Produktion der Zirbeldrüse

Zentrale Themen von Sahasrāra

Die grundlegenden Eigenschaften dieses cakras stellen sich folgendermaßen dar:

  • Gefühl der Erleuchtung im Sinne der Erfahrung des Eins-Werdens mit dem Selbst, der Natur, dem Universum und dem Göttlichen
  • Auflösung des Egos
  • Vollendung
  • Erfahrung der Freiheit durch das Auflösen der Dualitäten
  • Polarität der Leere und Fülle im gleichen Moment
  • Aus tantrischer Sicht: Die Verschmelzung von śiva und śakti

Techniken für Yoga und den Alltag

Folgende Techniken für den Körper und die Atmung können das cakra aktivieren:

  • Alle Sitzvarianten, im Besonderen der klassische Lotussitz padmāsana und Varianten wie Baddha Koṇāsana und Sukhāsana
  • Der Kopfstand Śīrṣāsana
  • Die Erfahrung der Meditation
  • Als prāṇāyāma Atemtechnik die schnelle Feueratmung kapālabhātī
  • Tönen des Mantras OM

Für den Alltag können sinnvoll sein: Das Erklimmen von Bergen, der Blick in die Ferne, weite Horizonte.

Meditation für Sahasrāra cakra

Im Grunde ist das wesentliche Ziel von yoga nicht die Kräftigung und Mobilisierung des Körpers, auch wenn dies einen wesentlichen Teil des typisch westlichen Yogaunterrichts einnimmt. Vielmehr ist es das Ziel, den Körper so vorzubereiten, dass es gelingen kann, möglichst über einen langen Zeitraum hinweg schmerzfrei und bequem sitzen zu können.

Selbstredend geht es hier nicht um das Sitzen am Arbeitsplatz oder im Auto, sondern um den Sitz für die Zwecke der Meditation. Genau das ist also das zuvordere Ziel des hatha-yoga: Den Körper, die Atmung und den Geist auf den Sitz und somit die Erfahrung der Meditation vorzubereiten.

Während der Meditation und der achtsamen Schau nach Innen können viele Beobachtungen geschehen: Wir können wahrscheinlich beobachten, dass der Geist alles andere macht, außer zur Ruhe zu kommen; wir können die sich ausbreitende Langeweile oder eine diffuse Unzufriedenheit beobachten – oder uns auch an etwas Konkretem stören: Den Geräuschen von außen, der Raumtemperatur oder die Sinnlosigkeit dieser Zeitverschwendung.

All das sind Anzeichen dafür, dass der Geist nicht zur Ruhe kommen kann. Doch im Kern geht es bei der Meditation sehr wohl um das „zur Ruhe bringen“ des Geistes. Denn schließlich kann aus der inneren Ruhe und Stille etwas Neues entstehen: Eine tiefe innere Verbindung zu uns selbst. Und dadurch die Klarheit darüber, wer und wie wir im inneren Kern wirklich sind.

Fazit

Das Sahasrāra cakra baut auf die vorhergehenden cakras auf und kann seine Wirkung dann besonders gut entfalten, wenn die Eigenschaften der anderen cakras frei zugänglich und erfahrbar sind:

Gelingt es dir, durch Mūlādhāra im Hier und Jetzt sowie auf deinem Platz für die Meditation anzukommen, ohne sich von der Außenwelt ablenken zu lassen? Mit Svādhiṣṭhāna kannst du die Lebendigkeit des Körpers und der Sitzhaltung erfahren. Maṇipūra sorgt für die Zentrierung und Stabilisierung der Sitzhaltung. In Anāhata kann die Weite des Brustkorbs und die Weite des Herzens erfahrbar werden, damit darüber hinaus eine liebevolle Verbindung zum Selbst aufgebaut werden kann. Dank Viśuddha ist der Schulter-Nacken-Bereich durchlässig und entspannt sowie der Kehlkopf weit, damit die Atmung ungehindert und weich fließen darf. Das Ājñā cakra richtet den Blick nach Innen – und Sahasrāra führt in dieser Innenschau den Geist in eine ausgeglichenen Ruhe und Klarheit.

Ein cakra führt also zum Nächsten. Und so wirst du mit der Beschäftigung mit den cakras vermutlich die Erfahrung machen, dass manche recht leicht und andere hingegen viel schwerer zugänglich sind. Die Grundidee ist es nun, sich explizit mit denjenigen auseinanderzusetzen, die schwer fassbar und nicht leicht zugänglich sind, um schrittweise eine harmonische Vereinigung mit allen cakras erfahren zu dürfen.

Autor

Hallo! Geboren im Ausklang der 70er Jahre, hat mich mein Lebensweg über einen kaufmännischen Beruf zum Studium der Verhaltenswissenschaften und Sprechwissenschaft gebracht. Da rechnete ich allerdings noch nicht mit meiner Berufung, die mich zum Yogalehrer im Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland und Dozenten im Rahmen der Yoga-Lehrausbildung führte. Nun stehe ich hier.