Zehn Tipps für eine gute Yogastunde

Jeden Tag, jede Stunde geben sich unzählige Yogalehrer auf der ganzen Welt große Mühe, ihren Teilnehmern eine neue Lieblingsstunde zu ermöglichen. Sie bereiten sich intensiv vor, richten ihre Räume liebevoll her und rollen die Yogamatten aus, um ein angenehmes Ambiente und eine perfekte Yogastunde zu kreieren. Doch was macht eine perfekte Yogastunde aus? Der Lehrer? Die Räumlichkeiten? Oder sind wir es am Ende sogar selbst?

Jeder, der sich etwas länger mit Yoga beschäftigt, weiß um diese Erfahrungen: Mal gibt es die perfekte Yogastunde, die perfekt zu einem selbst passt und auch noch am nächsten Tag in den Alltag hineinwirkt. Und mal gibt es Stunden, die überhaupt keinen Anklang finden, die einen weder ansprechen noch erreichen können.

Doch woran liegt das? Ist es womöglich der Yogalehrer, der von seiner Art und Weise sowie der Unterrichtsgestaltung gut oder weniger gut zu einem selbst passt? Ist es der richtige Yogastil – der weder unterfordert, noch überfordert? Sind es das Ambiente, die Räumlichkeiten oder die anderen Teilnehmenden?

Offen gesagt: Im Yoga sind all die Äußerlichkeiten eher zweitrangig. Denn es ist mehr als das Üben von Haltungen, mehr als der Versuch, in den engen Zeitplan des Tages noch eine weitere Stunde hineinzupressen – oder sich auf die Annehmlichkeiten des wunderschön eingerichteten Yogastudios einzulassen.

Yoga reflektiert insbesondere auf die Innenwelt! Mit welchen inneren Einstellungen, welchen Bildern, Haltungen und Eindrücken gehen wir in die Yogastunde hinein? Was erwarten wir von Yoga? Kann Yoga diesen Erwartungen überhaupt gerecht werden – und hilft uns Yoga, zu einem besseren Menschen zu werden?

Aus meiner Erfahrung als Lehrender habe ich 10 Tipps aufgeschrieben, um für die Teilnehmer das Beste aus der Yogastunde zu holen. Oder anders formuliert:

Was kann ich selbst tun, um eine gute Yogastunde zu erleben?

1. Stelle keine zu hohen Erwartungen an dich selbst.

Bitte komme nicht mit der Erwartung in die Yogastunde, dass danach alles anders und besser sein wird als vorher. Jede Yogastunde, die wir gemeinsam begehen, ist eine kleine Reise auf dem Pfad zu dir selbst. Und jede Reise beginnt mit kleinen Schritten – aber definitiv nicht mit dem Ziel.

Dein Yogalehrer wird dir wahrscheinlich auch nicht die Geheimnisse des Lebens erklären. Dein Rücken wird sich zwar besser fühlen, aber nicht nach nur einzigen einer Yogastunde perfekt werden. Manchmal wird es dir nicht gelingen, in der Meditation abzuschalten und zur Ruhe zu kommen. In der Stellung der Taube kann es sein, dass der rechte Fuß schon wieder krampft. Nun ja – so ist das Leben. Es gibt Dinge, die können wir kontrollieren, und Dinge, die wir einfach geschehen lassen können.

Yoga wird aus dir auch keinen besseren Menschen machen, denn das liegt allein an dir.

2. Erwarte keine perfekte Gruppe.

Vielleicht magst du das Parfum deiner Nachbarin nicht. Womöglich wird dein anderer Nachbar in den Atemübungen zu laut atmen und dich dadurch ablenken. Jemand möchte schon wieder das Fenster schließen, obwohl es dir immer noch zu warm ist? Vielleicht gibt es auch jemanden in der Gruppe, den du von der Arbeit kennst und nicht magst. Es passiert viel im Leben – wir mögen uns untereinander, oder auch nicht, und so wird es auch in der Yogagruppe sein.

Doch wenn du all das hinter dir lassen und dich für einen Augenblick davon befreien kannst, dann gelingt es dir, dich allein auf dich selbst zu konzentrieren – und du wirst eine viel schönere, intensivere Yogastunde erleben.

3. Yoga ist kein Leistungssport.

Wenn deine einzige Motivation die körperliche Fitness ist und du ein entsprechendes Fitnessprogramm erwartest, dann solltest du lieber in ein Fitness-Studio gehen und dich dort abarbeiten. Yoga ist viel mehr. Yoga ist ganzheitlicher und umfassender. Es wird intensive Momente der körperlichen Kraft geben, die dich an die Grenzen deiner physischen Möglichkeiten bringen. Doch ebenso wird es auch erholsame Momente der Ruhe und der Auszeit geben, verbunden mit wunderschönen Atemtechniken und befreienden Entspannungen.

Daher ist es auch wichtig, dass du deine körperlichen Grenzen beachten und respektieren kannst. Egal, ob der Nachbar schon wieder eine perfekte Haltung einnimmt, noch länger in der Seitplanke verweilen kann und dabei noch so wunderschön lächelt – während dir die Schweißperlen in die Augen fließen und die Arme zittern. Spätestens das wäre der geeignete Moment, aus der Haltung herauszugehen, etwas zu trinken und eine kleine Pause zu genießen, während die Anderen sich weiter abarbeiten. Sollen sie doch machen.

4. Sprich mit deinem Lehrer und lass dich beraten.

Teile vor (!!) dem Beginn der Yogastunde deinem Lehrer unbedingt mit, ob du körperliche Probleme oder Beeinträchtigungen hast. Er sollte wissen, ob dein Knie erst kürzlich operiert wurde, du Bluthochdruck hast oder momentan starke Beschwerden in den Schultern. Das Gleiche gilt im Falle einer Schwangerschaft. Ebenso kann er dich dahingehend beraten, welcher Yogastil zu dir passt.

Yoga ist ein überaus flexibles System und so kann jede körperliche Haltung derart modifiziert werden, dass du sie auch bei Beeinträchtigungen problemlos einnehmen und dich wohlfühlen kannst. Daher gilt: Gehe sorgsam mit dir um und lass dir von deinem Yogalehrer gut gemeinte Ratschläge geben.

5. Respektiere deinen inneren Lehrer.

Jeder von uns hat eine Idee davon, was ihm gut tut, und was nicht. Wenn du also Rückbeugen sehr magst, dann kannst du sie gerne auch intensiv genießen. Wenn du allerdings in Vorbeugen oder Umkehrhaltungen das Gefühl hast, dass der Kopf explodiert und die Augen aus den Aughöhlen ploppen, dann solltest du vielleicht nur kurz oder ggf. gar nicht in diesen Haltungen verweilen.

Vor der Gruppe steht der „äußere“ Lehrer, dein Yogalehrer. Er hat im Idealfall eine fundierte und breite Ausbildung und verfügt über jahrelange Erfahrungen. Doch egal, welches Wissen, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten dein Yogalehrer hat – ihm wird es nicht gelingen, in dich hineinzuschauen. Er kann nur das Äußerliche betrachten und beobachten, ob du dich wohl fühlst, oder nicht. Wenn du also mit seinen Anweisungen zurecht kommst und sie auf einen fruchtbaren Boden stoßen, dann nimm sie an. Wenn nicht, dann eben nicht.

6. Mach es dir leichter und benutze Hilfsmittel.

In jeder gut ausgestatteten Yogaklasse sind eine Reihe von Hilfsmitteln frei verfügbar. Blöcke unterstützen dich beispielsweise in der Dreieckshaltung und helfen bei der Entlastung des Rückens. Gurte verlängern die Arme, falls die Füße weit weg sein sollten und du nicht bis dort hin kommst. Sitzkissen lassen die Sitzhaltungen bequemer werden, sodass sich der untere Rücken und die die Hüfte wohler fühlen.

Wir sind eine der intelligentesten Lebensformen des Planetens. Wir haben gelernt, Werkzeuge und Hilfsmittel einzusetzen, um uns Vorteile zu verschaffen. Daher ist das Verwenden von Hilfsmitteln im Yoga kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Intelligenz.

7. Verwechsle die Yogastunde nicht mit einer Modenschau.

Du kannst dir gerne das modischste und figurbetonteste Outfit der Yogagruppe zulegen, wenn du möchtest. Doch das wird dir nicht weiter helfen, wenn sich dein Shirt bei jedem Heben der Arme in ein bauchfreies Top verwandelt und du nur noch damit beschäftigt bist, dein Dolce & Gabbana Shirt zurechtzuzupfen. Das Gleiche gilt für das neueste Parfum, das – möglichst großzügig aufgetragen – in einen Wettstreit mit den Parfums der Mitmenschen in der Gruppe tritt.

Der Punkt ist der, dass dich all diese Nebensächlichkeiten davon abhalten werden, dich auf dich selbst zu konzentrieren und den Moment des Augenblicks zu genießen.

8. Lass das Handy und die Uhr draußen.

Wir sind daran gewöhnt, ständig erreichbar zu sein. Das bedeutet aber auch, dass wir im Umkehrschluss unter der Schnelllebigkeit der technisierten Welt leiden und uns von ihr treiben lassen. Daher ist es wichtig, auch einmal einen Moment der Auszeit zu schaffen. Du musst nicht die ganze Zeit im Hamsterrad des Lebens mitrennen, sondern du bist frei, auch einmal anzuhalten und eine Auszeit zu nehmen.

In der Yogastunde haben wir das Ziel, den Alltag einen Moment lang vor der Türe zu lassen. Genau so, wie du dich für die Yogastunde umziehst und deine Alltagskleidung draußen lässt, darf auch der Alltag draußen bleiben. Deine Bekannten werden es dir hoffentlich verzeihen, wenn du erst nach der Stunde ihre WhatsApp-Nachrichten beantwortest. Und dein Yogalehrer hat die Zeit im Blick – er wird dich nicht 3 Stunden festhalten, wenn du für 90 Minuten gebucht hast.

9. Bring deine eigenen Yogautensilien mit.

Du hast deine Lieblingsmatte, auf der du deine eigenen Yogasequenzen praktizierst? Deine Lieblingsdecke, die so weich und flauschig ist, und in die du dich einrollst, um eine erholsame Auszeit genießen zu können? Deine Lieblingssocken, die du nur für Yoga anziehst? Prima! Du kannst sie gerne mit in den Yogaunterricht mitbringen.

Es gibt zwar alle notwendigen Utensilien direkt vor Ort im Studio, aber warum solltest du nicht deine eigenen Dinge mitbringen können, wenn es dir hilft, dass du dich mit dir und Yoga verbinden und dich auf die Stunde einlassen kannst?

10. Sei dankbar. Atme und lächle mal wieder.

Es ist bei Weitem nicht der Normalzustand, so gesund und fit zu sein, dass es unser Körper und Geist möglich machen, eine Yogastunde praktizieren zu können. Daher lohnt es sich, dankbar zu sein –  dafür, dass du gesund bist und mitmachen kannst. Sei dankbar auch deinen Mitübenden und dem Yogalehrer gegenüber, denn wir praktizieren diese Stunde gemeinsam und im gegenseitigen Respekt.

Genieße ebenso auch das wunderbare Geschenk der Atmung, denn die Atmung begleitet uns bewusst und unbewusst unser gesamtes Leben lang. Mit jedem Atemzug nimmst du den Sauerstoff, die Essenz des Lebens, in dich auf. Jeder Atemzug ist auch eine Pforte zur Wahrnehmung deiner Innenwelt und ein Spiegelbild des Zustandes deiner Seele. Sei dankbar um jeden Atemzug, den du bewusst erfahren darfst.

Das Gefühl der inneren Dankbarkeit wird sich auch dann noch ausbreiten, wenn du die Yogamatte längst wieder eingerollt hast und auf dem Weg nach Hause bist. Womöglich entsteht dann auch ein kleines äußeres Zeichen: Ein sanftes, liebevolles Lächeln, das du in die Welt hinaus trägst.