Weshalb wir nicht zur Ruhe kommen

Unsere heutige Zeit ist schnelllebig, hektisch und dynamisch. Wir sind in Beruf und Alltag ständig neuen Anforderungen und Aufgaben unterworfen, auf die wir reagieren müssen. Dadurch entsteht das Gefühl, dass die Zeit immer schneller rast und wir in einem Hamsterrad mitrennen müssen – ohne selbst Herr über das Geschehen sein zu können. Letztendlich verlernen wir die Fähigkeit, mit Ruhe umgehen zu können.

Ich möchte diesen Beitrag gerne dafür nutzen, einen kleinen Ausflug in die Philosophie des yoga zu unternehmen und erklären, wie yoga den Geist kultivieren möchte.

Des Öfteren erlebe ich – sowohl bei Beginnern als auch bei Erfahrenen – dass in den meditativen Phasen meines Yogaunterrichtes eine innere Unruhe entsteht: Zwar ist Meditationssitz perfekt eingerichtet, die Raumtemperatur stimmt, es ist still – und trotzdem stellt sich im Verlauf der Meditation eine innere Unruhe und Nervosität ein. Dies wird dann im besten Fall als Ärgernis empfunden – oder als vergeudete Zeit.

Wir haben verlernt, nichts zu tun

Sie können das gerne einmal selber ausprobieren: Suchen Sie sich ein ruhiges Fleckchen, setzen Sie sich auf einen Stuhl und machen Sie – nichts! Nach wenigen Minuten wird sich entweder ein Gefühl der Unruhe und Nervosität einstellen, oder Sie werden müde und schläfrig. Nur selten wird es gelingen, ruhig und wach gleichzeitig zu sein.

Warum ist das so? Mit dieser Problematik beschäftigt sich eine uralte indische Philosophie, der Sāṃkhya. Er ist einer der zentralen philosophischen Richtungen des Hinduismus und wurde im ersten Jahrtausend unserer Zeit in yoga integriert.

Das Ungleichgewicht von Aktivität und Ruhe

Sāṃkhya hebt unter Anderem hervor, dass in der Wahrnehmung der Welt drei wesentliche Eigenschaften – so genannte guṇas – koexistieren.

Diese guṇas sind:

  • tamas – die Ruhe, das Nichtstun
  • rajas – die Aktivität, Bewegung, Tatkraft
  • sattva – die Klarheit, Reinheit, Ausgeglichenheit

Diese Eigenschaften existieren sowohl in der äußeren Welt, als auch in uns selbst. Ich möchte dies an einem Beispiel verdeutlichen:

Sehr oft wird das Arbeitsleben als hektisch, stressig und belastend empfunden. Es gibt keinerlei Freiraum mehr zum „Luft holen“ oder Pausieren. Im oben erwähnten philosophischen System würde dies einer Übersteigerung von rajas bedeuten. Die Aktivität ist in ihrer übertriebenen Form zu einem rastlosen Antrieb geworden, der sowohl äußerlich in der Umwelt herrscht als auch innerlich im Geist mitvollzogen wird.

Die ständige Aktivität wird als innerer Belastungsstress empfunden und führt in der Konsequenz dazu, dass aufgrund der dauerhaften übertriebenen Aktivität das System „kippt“ und die Notbremse in Form eines Burn-Out gezogen wird. Eine Ruhepause wird vom Körper sozusagen in Form einer völligen Erschöpfung erzwungen.

Der Versuch, einem unruhigen Geist eine Auszeit zu geben, wird in der Regel darin münden, dass tamas – die Ruhe – nicht zugelassen werden kann, oder aufgrund der Erschöpfung übersteigert wird und als Schwere, Antriebslosigkeit und dumpfe Müdigkeit erfahrbar wird. Woher soll der Geist auch die Fähigkeit erlernt haben, mit Ruhe umgehen zu können?

Das innere neutrale Beobachten ist heilsam

Im yoga versuchen wir, dem Geist (oder dem inneren Empfinden) die Möglichkeit zu geben, Ruhe erfahren zu dürfen. Der Yogaunterricht besteht aus lebendigen aktiven Einheiten und ruhigen Phasen des Nachspürens. Hierdurch wird das Wechselspiel dieser Elemente sowohl für den Körper, als auch den Geist erfahrbar gemacht.

Sāṃkhya beschreibt einen Weg, den Geist für die Ruhe zu kultiveren, derart, als dass eine beobachtende Instanz eingeführt wird. Wir sind in der Lage, die Position eines dritten, neutralen Beobachters einzunehmen – und uns sozusagen von „außen“ zu beobachten. Im heutigen Verständnis entspricht dies einem Perspektivenwechsel: Ich versuche mir vorzustellen, wie ich von Anderen gesehen werde und wie ich auf sie wirke.

Daher nun eine zweite Aufgabe für Sie: Nehmen Sie sich wieder ein paar Minuten Zeit, suchen Sie sich ein ruhiges Flecken und machen Sie – nichts! Und nun „beobachten“ Sie, was sich in Ihnen abspielt. Vielleicht beobachten Sie, dass Sie träge werden, vieleicht auch, dass Sie unruhig werden. Aber bitte beobachten Sie das nur – stellen Sie sich vor, ein Dritter schaut in Sie hinein. Diese dritte Person ist neutral und wertfrei. Es geht nicht darum, etwas zu erzwingen oder so sein zu wollen, wie es am Besten wäre.

Das neutrale Beobachten dessen, was sich tatsächlich in Ihrem Geist abspielt, führt im Laufe der Zeit dazu, dass es bedeutungslos wird, ob Sie sich gerade aufregen oder nicht. Es ist sozusagen nicht wichtig. Und diese Bedeutungslosigkeit kann helfen, dass sich die übersteigerten Formen von rajas und tamas neutralisieren.

Im Verlauf der Zeit (und ich spreche hier nicht von 5 Minuten!) wird eine neue Qualität entstehen: tamas und rajas gleichen sich aus – als Folge wird sattva spürbar – die innere Klarheit. Oder anders formuliert: Es entsteht ein Geist, der sich sowohl wach als auch ruhig fühlt.

Die innere Ausgeglichenheit hilft im Umgang mit dem äußeren Stress

Das größte Problem unserer hektischen Zeit ist es, wenn Menschen die Fähigkeit verlieren, sich vom Stress der äußeren Welt – beispielsweise vom Arbeitsdruck – abzugrenzen und diesen Stress in Form eines Leidensdrucks mit nach Hause nehmen.

Die Kultivierung von Ruhe und das Zulassen eines inneren neutralen Beobachters, welcher durch eine regelmäßige Übungspraxis hilft, zur inneren Ausgeglichenheit zu finden, kann helfen. Es entsteht ein neues Gefühl der inneren Ruhe und Gelassenheit – sodass mit dieser entstandenen Freiheit dem Stress der äußeren Welt mit einer neuen Qualität begegnet werden kann.

Wir alle haben die Freiheit, nur das an unser Inneres zu lassen, was uns wirklich berühren darf. Stress und Hektik der äußeren Welt müssen nicht dazu zählen.

Ich bin gespannt über Ihre Meinung. Schreiben Sie mir – erzählen Sie mir von Ihren Erfahrungen.

Für heute wünsche ich Ihnen viel Gelassenheit bei dem, was Sie machen.