Einladung zum Nichtstun

Nichtstun erscheint auf dem ersten Blick eine sehr langweilige Tätigkeit zu sein, der sowieso nur jene von uns nachgehen können, die sonst auch nicht viel zu tun haben. Doch mitnichten ist dem so: Nichtstun ist unverzichtbar für die Regeneration und die Gesundheit von Körper und Geist. Es hilft unserem Gehirn, Reize und Eindrücke zu verarbeiten und die wesentlichen Eindrücke herauszufiltern.

Wie lange ist es her, dass Sie das letzte Mal einfach nur Nichts gemacht haben? Und damit meine ich in der Tat das Nichts. Weder E-Mails gelesen, noch im Internet gesurft, weder Sport gemacht, noch Dinge im Haushalt erledigt oder ferngesehen? Wissen Sie womöglich gar nicht mehr, wie lange das her ist? Dann wird es höchste Zeit, wieder einmal Nichts zu tun!

Ach ja, seufzen manche von uns in diesem Augenblick. Wie schön wäre es doch, sich der Muße hinzugeben, mal wieder abzuschalten und einfach nur zu genießen. Aus vollem Herzen die Leere zulassen, die entsteht, wenn wir von allen Dingen abschalten können. Mit vollen Zügen die Luft einzuatmen und sich den Fantasien hinzugeben.

Doch immer wieder gibt es (gute) Gründe, das Nichtstun zu verschieben. Die E-Mails müssen noch erledigt, der Balkon herausgeputzt, die Wäsche gemacht, die Freunde angerufen, die Steuer erledigt und die Nachrichten bei Facebook gelesen werden. All das sind Gründe dafür, dass wir verlernt haben, uns dem Nichtstun hinzugeben. Wir wissen gar nicht mehr, wie sich die Entschleunigung und eine Insel der Auszeit anfühlen.

Das Nichtstun klingt in unserer heutigen beschleunigten Gesellschaft gerade zu widerwärtig, es riecht nach Faulheit, Langeweile und ist eh nur für jene wichtig, die sowieso nicht viel zu tun haben. Wir sind es doch gewohnt, uns über unsere fehlende Zeit und unser hohes Arbeitspensum zu definieren. Diejenigen sind in besonderem Maße anerkannt und wertgeschätzt, die zum Verabreden mit Freunden eine Doodle-Planung aufsetzen müssen, die sowieso gerade beruflich unterwegs sind, die am Besten mehrere Handys und einen vollen Terminkalender haben, den sie mit dem Freundeskreis teilen, um lästige Anfragen zu vermeiden, wann denn wieder einmal etwas Freizeit für gemeinsame Aktivitäten sei.

Doch das Nichtstun ist unverzichtbar. Gerade für die Vielbeschäftigten. Denn erst wenn wir uns der schönen Langeweile hingeben, wenn wir abschalten, den Gedanken freien Lauf lassen oder einfach nur aus dem Fenster starren, erst dann kann das Gehirn wieder aktiv werden. Das Gehirn braucht diese Ruhepausen, um gesund und leistungsfähig zu bleiben.

„Das Gehirn muss, um normal funktionieren zu können, auch müßig sein, und das sogar sehr häufig. […] Kurzfristig zerstört starke Geschäftigkeit die Kreativität, die Selbsterkenntnis und das emotionale Wohlbefinden, und sie kann das Herz-Kreislauf-System schädigen.“ (Andrew Smart, Kognitionswissenschaftler)

Die aktuellen Erkenntnisse der Neurowissenschaften sprechen also dafür, dass wir uns immer mal wieder eine kleine Auszeit aus dem Fluss des Tages zu gönnen. Nur wenn wir regelmäßige Pausen machen, wenn wir die Gedanken schweifen lassen, dösen, Tagträume zulassen oder meditieren, nur dann wird das Gehirn in die Lage versetzt, sich von dem Strom der Eindrücke zu erholen. Dann kann es das, was wir erleben, verarbeiten, integrieren und die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Ansonsten stürzen wir uns kopflos und ziellos in die Aktivitäten.

„Assoziationen, Erinnerungen und Gedanken brauchen womöglich einen ruhenden Geist, um den Weg durch unser Gehirn zu finden und neue Verknüpfungen zu bilden.“ (Andrew Smart)

Und letztendlich werden wir durch das Nichtstun mit uns selbst in Verbindung gebracht. Wir können uns ergründen, uns reflektieren und tiefer kennenlernen. Auch hierfür ist die Stille von wesentlicher Bedeutung.

„Es geht darum, in Einklang zu kommen mit sich selbst und aus diesem Einklang heraus zu handeln“, stellt die Psychologin und Zenmeisterin Anna Gamma fest. Und weiter: „Um in die Tiefe vorzudringen, braucht es Innehalten und Stille. […] Indem ich innehalte, öffne ich ein Tor zu einem Raum, in dem ich genährt werde.“ (Psychologie Heute, Ausgabe 05/2015, S. 23)

„Wer ein glückliches Leben führen möchte, sollte innehalten und einkehren und nicht nur äußerlich ausmisten, sondern auch innerlich.“ (Anna Gamma, Psychologin)

Dieser Beitrag ist also eine Einladung an Sie selbst, eine Einladung zum Nichstun. Legen Sie alle Achtsamkeitsbücher und CDs zur Seite, schaffen Sie sich eine Oase für sich selbst und machen Sie: Nichts. Am Besten gleich – und ohne hierfür einen Termin in Ihrem Kalender einzutragen.

Herzlichst.
Ihr Tobias Weidhase

Literaturempfehlung:

Smart, Andrew (2014): Öfter mal auf Autopilot. Warum Nichstun so wichtig ist. Goldmann-Verlag.

Gamma, Anna (2015): Ruhig im Sturm. Zen-Weisheiten für Menschen, die Verantwortung tragen. Edition Steinrich.